Heinz Dieterich, Jahrgang ’43, politisiert in den Studierendenunruhen von 68, studierte Soziologie bei Horkheimer und Adorno in Frankfurt (Main) und ist heute Professor für Soziologie an der Universidad Autónoma Metropolitana in Mexico D.F.. Kaum wahrgenommen, ist er der intellektuelle Vater des von Hugo Chavez in Venezuela propagierten Konzeptes des Sozialismus im 21. Jahrhundert. Am 28. Juni ist er für einen Vortrag an der Viadrina in Frankfurt (Oder).
Eine andere Welt ist möglich, aber wie?
Hugo Chavez polarisiert. Nicht nur die Welt ist geteilter Meinung über den, der in der Manier eines Caudillo den Armen Venezuelas Wohlstand und gesellschaftliche Partizipation verspricht, Zugang zu Bildung für alle gewährleistet und die global operierenden Konzernen in seinem Land ihre Schranken verweist. Auch innerhalb der Linken ist man sich keineswegs sicher, wie man diesen Prozeß beurteilen soll, ob als guter und richtiger Schritt in Richtung Selbstemanzipation der Menschen, oder doch nur ein in ein christlich-religiöses Gewand gekleideter Staatskapitalismus.
Dabei ist die Person Hugo Chavez, die in ihrer Machtkonzentration und Personenfixierung Fluch und Segen der bolivarischen Bewegung zugleich ist, nur ein Aspekt, mit dem es sich auseinanderzusetzen gilt. Beinahe unbemerkt im Schatten fungierte ein deutscher Soziologe, der im legendären Frankfurter Häuserkampf von 1968 Seite an Seite mit Joschka Fischer kämpfte und bei Adorno und Horkheimer studierte, lange Zeit als Berater der Regierung Chavez’ und als enger Vertrauter des ecuadorianischen Präsidenten Rafael Correa, des Bolivianers Evo Morales und nicht zu letzt auch Cubas Staatschef Fidel Castro.
Grundlegend sind dabei die Begriffe der "Äquivalenzökonomie" und der "partizipativen Demokratie". Ersteres ist ein Konzept, das Geld durch Arbeitszeit als grundlegende Wertkonstante ersetzen möchte, in dem Produkte auf Basis der in ihnen vergegenständlichten Arbeitszeit als grundlegender Werteinheit "getauscht" werden. Kritikerinnen und Kritiker sprechen hier von einem falsch verstandenen Vulgär-Marxismus, denn nach Marx wäre ein solches Vorgehen nicht nur faktisch unmöglich, sondern auch sinnlos, da es eben die kapitalistische Produktion nicht als solche Abschaffen würde, und Gerechtigkeit versucht, über die Verteilungs-, und nicht - wie von Marx vorgesehen - die Produktionsebene, herzustellen versucht. Auch die Frage, welche planerische Funktion hierbei dem Staate zu kommt, bleibt offen. Gleichzeitig versucht dieses Konzept die Scharnierfunktion einzunehmen, zwischen der als unrealistisch eingestuften "gewaltsamen" Überwindung des Kapitalismus und der Frage, wie denn durch reformerische Methoden der Kapitalismus langsam überwunden werden könnte.
Damit ist - neben der Auseinandersetzung mit oben genannten Fragen - Heinz Dieterich vielleicht einer der kompetentesten Zeitzeugen, wenn man der Frage auf den Grund gehen möchte, was sich hinter den derzeitigen Entwicklungen in Lateinamerika, vor allem in den "bolivarischen" Staaten verbirgt und welche Perspektiven dieser Prozess hat.
Datum: Montag, der 28. Juni 2010
Uhrzeit: 18 Uhr c.t.
Raum: GD 102
Im Anschluss an den Vortrag gibt es eine offene Diskussion. Diese Veranstaltung ist eine Kooperation der Hochschulgruppe dielinke.SDS Viadrina und der Rosa-Luxemburg Stiftung Brandenburg.
Mehr Informationen gibt es hier auf der Webseite des SDS.